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Jubiläumsfestakt im Residenzschloss Ludwigsburg: Verband fordert, Teilhabe zu sichern und Menschenrechte konsequent zu achten
Ludwigsburg, 18.10.2026. Mit einem Festakt im Marmorsaal des Residenzschlosses Ludwigsburg feierte der Landesverband für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung Baden-Württemberg e. V. (LVKM) am Freitag sein 60-jähriges Bestehen. Rund 100 Gäste aus Politik, Verwaltung, Gesellschaft und Mitgliedsorganisationen kamen zusammen, um sechs Jahrzehnte Engagement für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung und ihre Familien zu würdigen. Zugleich richteten sie den Blick auf die Zukunft: Sie warnten vor dem Abbau mühsam erkämpfter Unterstützungsleistungen und forderten, die Rechte von Menschen mit Behinderungen zu schützen, Barrieren abzubauen und die gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen zu ermöglichen.
„Alle inklusive – gemeinsam stark mit Behinderung!“
In seiner Begrüßung erinnerte der Landesvorsitzende Thomas Seyfarth an die Gründungszeit des Verbandes im Jahr 1966. Kinder mit schweren Behinderungen und ihre Familien waren damals vielfach vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Manche Kinder wurden zu Hause versteckt, Familien waren weitgehend auf sich allein gestellt. Therapieangebote fehlten, und Kinder mit schweren Behinderungen galten teilweise als „unbeschulbar“. Die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen hatte auch historische Wurzeln in der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik, deren Folgen weit über das Ende des NS-Regimes hinaus nachwirkten.
Sechs Jahrzehnte später hat sich vieles verbessert. Doch die erreichten Fortschritte sind keine Selbstverständlichkeit. „Teilhabe ist ein Menschenrecht. Doch aktuell sorgen sich Menschen mit komplexen Behinderungen und ihre Familien zunehmend, dass dies in Zukunft vielleicht nicht so bleibt und sogar Rückschritte drohen könnten“, betonte Seyfarth. Für die Zukunft wünsche er sich von der Politik mehr Akzeptanz und ein konsequentes Eintreten für Menschenrechte. Betroffene und ihre Angehörigen sollten nicht immer wieder gezwungen sein, für ihre Rechte kämpfen zu müssen. Auch Nora Welsch, Beauftragte der Landesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, unterstrich die Bedeutung von Selbstbestimmung und Wahlfreiheit. Echte gesellschaftliche Teilhabe stehe und falle mit der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung, erklärte Welsch. Die Bereitstellung und der unbürokratische Zugang zu persönlicher Assistenz seien keine freiwilligen Leistungen, sondern der Schlüssel zu einem eigenverantwortlichen Leben mitten in der Gesellschaft.
Lob für die verlässliche Partnerschaft
Die Glückwünsche der Landesregierung überbrachte Petra Krebs MdL, Staatssekretärin im Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg. Sie würdigte die jahrzehntelange konstruktive Zusammenarbeit zwischen dem Land und dem Verband. Der LVKM habe sich in den vergangenen 60 Jahren von einer kleinen Elterninitiative zu einer starken Interessenvertretung von Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung und ihren Familien entwickelt. Zugleich hob Krebs die Bedeutung der verlässlichen Partnerschaft zwischen dem Land und dem Verband hervor.
Als Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit nannte sie das Förderprogramm „Toiletten für alle in Baden-Württemberg“. Dessen Umsetzung sei keine Selbstverständlichkeit. In Gesprächen mit Bürgermeistern habe sie selbst erlebt, dass es Überzeugungsarbeit brauche, um die Einrichtung solcher Toiletten voranzubringen. Umso wichtiger seien das beharrliche Engagement des LVKM sowie dessen Beratung und Begleitung des Förderprogramms. In den vergangenen zehn Jahren seien dadurch inzwischen 120 feste Standorte entstanden.
Auch Beate Bettenhausen, Vorsitzende des Bundesverbandes für körper- und mehrfachbehinderte Menschen (bvkm), würdigte das Engagement in Baden-Württemberg. Das Land sei in diesem Bereich Spitzenreiter: Mehr als die Hälfte aller „Toiletten für alle“ befänden sich im Ländle. Zugleich hob sie die gute Zusammenarbeit zwischen Bundes- und Landesverband hervor. Besonders wichtig sei es, die Bedürfnisse von Familien mit Kindern mit schweren und mehrfachen Behinderungen sichtbar zu machen und ihre Unterstützung langfristig zu sichern. Wer ohne Pause pflege, werde schnell selbst zum Pflegefall, warnte Bettenhausen. Sie verwies auf die möglichen gravierenden Folgen für Familien, falls durch das geplante Pflegeneuordnungsgesetz bislang flexibel nutzbare Entlastungsleistungen wegfallen sollten.
„Teilhabe von Menschen mit Behinderungen darf nicht zum Sparziel werden!“
Wie sehr sich die Lebensbedingungen von Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderungen seit der Gründung des Verbandes verbessert haben und wo weiterhin Handlungsbedarf besteht, wurde in allen Beiträgen des Festakts deutlich. Barrierefreiheit, verlässliche Unterstützungsangebote und die Entlastung pflegender Angehöriger bleiben zentrale Herausforderungen. Unter dem Titel „Inklusion ist ein Menschenrecht – dieses Recht lassen wir uns nicht nehmen!“ sprach der Tübinger Keynotespeaker und Bestsellerautor Dr. Martin Emrich über die Bedeutung von Inklusion. Dafür brauche es Humor, Engagement, Kreativität und pragmatische Lösungsansätze. Auch aus seiner eigenen Familie kenne Emrich die Herausforderungen: Sein jüngerer Bruder ist infolge eines Unfalls im Kindesalter schwerstbehindert.
Für die musikalische Eröffnung des Festakts sorgte Susanne Trier aus Oberkochen mit dem Saxophonsolo „What a Wonderful World“. Auch EamiQ, ein Rapper aus Stuttgart, begeisterte die Gäste. Mit seinem Lied „Juwel“ setzte er ein Zeichen für Wertschätzung und Selbstvertrauen. Seine Botschaft: Jeder Mensch sei wertvoll, begabt und gut, so wie er ist – unabhängig davon, was andere sagen. EamiQ ist eine starke Stimme für Menschen mit und ohne Behinderung.
„Inklusion geht uns alle an!“
Mit einem leidenschaftlichen Appell richtete die langjährige LVKM-Geschäftsführerin Jutta Pagel-Steidl den Blick auf die gemeinsame Verantwortung für eine inklusive Gesellschaft. Inklusion werde nicht auf dem Silbertablett serviert und könne nicht allein erreicht werden. Für ihre Umsetzung brauche es die Unterstützung aller, betonte Pagel-Steidl. Anschaulich unterstrich sie ihre Botschaft, indem sie einen Kittelschurz aus der Tasche zog und überstreifte – bereit, selbst mit anzupacken. Die Anwesenden dankten ihr mit langem Applaus für ihren Appell, Menschen mit schweren Behinderungen und ihre Familien nicht allein zu lassen und sie nicht auf Kostenfaktoren zu reduzieren. Zu keinem Zeitpunkt dürften die Lebensrechte behinderter Menschen infrage gestellt werden. Alle Menschen seien Teil der Gesellschaft und gehörten dazu. Dafür stehe der LVKM gestern, heute und in Zukunft, lautete ihre eindringliche Botschaft.
Ein Appell für die Zukunft
Das Schlusswort sprach Jutta Hertneck, stellvertretende Landesvorsitzende des LVKM. Sie dankte allen Beteiligten für ihre Beiträge zum Gelingen des Jubiläumsfestakts und bekräftigte den Appell des Verbandes, bei Menschen mit Behinderungen und ihren Familien nicht zu sparen. Eine erneute Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen müsse unbedingt verhindert werden. Hertneck mahnte, Familien mit behinderten Kindern nicht allein zu lassen und die erreichten Fortschritte bei Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Teilhabe zu sichern, statt sie durch Kürzungen und fehlende Unterstützung aufs Spiel zu setzen.
60 Jahre LVKM stehen für sechs Jahrzehnte Einsatz für Menschenrechte, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe. Der Jubiläumsfestakt machte deutlich: Erreichte Fortschritte müssen gesichert und weiterentwickelt werden, damit Menschen mit Behinderungen und ihre Familien auch in Zukunft selbstbestimmt und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
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